K49814

Der Leithengst hatte mir nach Tagen Einlass in den inneren Kreis seiner Herde gewährt. Ich saß bei den schlafenden Fohlen, als ein Atem meinen Nacken berührte.
In der Nacht, wenn die Formen ununterscheidbar sind, ist da nur noch Jemand, der atmet. Er atmet, weil er will. Mit dem Atem artikuliert er sein Dasein. Deswegen ist der Atem individuell. Der Atem ist ein junger und ein alter Atem, er ist ein Artenatem, aber vor allem ist er ein je eigener Atem, der mit der Welt Kontakt aufnimmt.
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Als ich mich umdrehte, sah ich einen Jährling hinter mir, mich zum Spiel auffordern.
So viele wieder weg. Haben Sie geschlafen in der Nacht vor dem Transport? Es muss eine Unruhe gewesen sein im Stall. Wer wird als nächster gerufen, die Rampe hinauf zu gehen. Hast ein Kreuz auf dem Rücken? Abschiedsszenen. Schwer vorstellbar, dass nicht. Ich möchte sie treffen und fragen, nach ihren kurzen Geschichten. Dokumentieren, archivieren. Für die Zeit danach. Denn ihr Atmen ist Teil der Weltgeschichte.
Wenn das Schweineauge und das Menschenauge sich vor dem Schließen der Gaskammertür begegnen, erkennen wir uns, das Schwein und ich. Die gezogene Grenze ist eine Illusion. Ich werde zur Fischschuppe in meinem Fischschuppengarten und mit ihr zur formlosen Indifferenz des Ozeans, zum kosmischen Rauschen.
Die Föten waren in die Luftkammer des Eies eingebrochen und hatten ihren ersten Atemzug genommen. Hunderte Male hatten sie an die Schale gepickt, bis ein kleines Loch entstanden war. Ihre Lungen hatten sich einige Stunden an die Außenluft gewöhnen müssen, bevor sie die kraftzehrende Drehung zum Aufschneiden der Schale vollziehen konnten. Nass und erschöpft auf Gittern liegend suchten die Neugeborenen ihre Mütter.
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Aus den für Übersee bestimmten dichtbepackten Kisten nahm ich blind drei Körper. Ich wärmte sie an meinem Körper, schwamm mit ihnen im See und hörte sie im Schlaf leise hupend atmen.
In vielen Nächten lag ich in Ställen oder draußen bei den unversehrten Tieren und bat sie um ihren Atem. Atem, sagen sie, ist etwas höchst Fragiles, das Vertrauen braucht.
Wo der Atem angehalten wird, ist die Hölle. Ein Ort, zu dem kein Fremder Zutritt hat.
Um dennoch von ihnen erzählen zu können, lieh ich mir die Ohrenmarkennummer einer Kuh, Emma, mit dem rötlichen Fell. Sie lag isoliert in Dunkelheit an einer Kette. Ich versprach ihr ein freies Leben und hielt mein Wort.
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Seid Ihr, außer dem Atem? möchte ich die vielen anderen fragen.

Bildlegenden

  • 1 Rangelnde Jährlinge in einer Wildpferdeherde
  • 2 Mai, Miya und Marie in meiner Obhut
  • 3 Emma in ihrer Kuhherde auf einem Lebenshof